Urwälder in Europa: wo die letzten noch stehen
Wo es in Europa noch echte Urwälder gibt, was Urwald, Naturwald und Primärwald unterscheidet und welche Schutzgebiete man zu Fuß besuchen kann.
UrwälderVeröffentlicht
Die letzten Urwälder Europas stehen in wenigen Regionen: in den Buchen- und Bergmischwäldern der Karpaten, in der Taiga Finnlands, Schwedens und Norwegens, im Tieflandwald von Białowieża an der Grenze zwischen Polen und Belarus sowie in kleinen, meist steilen Reservaten auf dem Balkan, in den Dinariden und den Alpen. Fast überall sonst wurde der Wald mindestens einmal gerodet, neu gepflanzt oder forstlich genutzt.
Wie viel Urwald es noch gibt
Den bislang vollständigsten Überblick liefert eine 2018 in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions veröffentlichte Studie (Sabatini et al., 2018). Sie führte vorhandene Karten aus 32 Ländern zusammen und kam auf rund 1,4 Millionen Hektar bekannten Primärwald, also etwa 0,7 Prozent der europäischen Waldfläche. Die Forschenden gehen davon aus, dass in schwer erreichbaren, dünn besiedelten Gegenden weitere, noch nicht kartierte Reste existieren. Die Zahl ist daher eher eine Größenordnung als eine Endsumme.
Das Muster dahinter ist einfach: Urwald überlebte dort, wo Menschen schlecht hinkamen oder wo sich Holzeinschlag nicht lohnte. Deshalb hängen Urwald und Abgeschiedenheit eng zusammen, mehr dazu unter Warum Straßen Wälder zerschneiden.
Begriffe sauber getrennt
Im Reiseteil vieler Medien werden die Wörter munter gemischt. Wir verwenden sie so:
| Begriff | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Urwald, Primärwald | nie gerodet, keine deutlichen Nutzungsspuren, natürliche Abläufe intakt | strenge Reservate in den Karpaten und in Białowieża |
| Altwald (engl. old-growth) | spätes Entwicklungsstadium: alte, mächtige Bäume, viel Totholz, alle Altersstufen | Urwald, aber auch lange ungenutzter Wirtschaftswald |
| Naturwald, Wildnis | früherer Forst, der sich selbst überlassen bleibt | Kernzonen deutscher Nationalparks |
| Wirtschaftswald, Forst | Bäume werden für Holz angebaut und geerntet | der größte Teil des Waldes in Mitteleuropa |
Wie man selbst einschätzt, ob man in einem alten Wald steht, zeigt unsere Checkliste Woran man einen Urwald erkennt.
Wo Europas Urwälder liegen
Karpaten
Im Bogen der Karpaten durch die Slowakei, Polen, die Ukraine und Rumänien liegt der größte Teil des Primärwalds in Mittel- und Osteuropa. Unten dominiert die Buche, weiter oben Fichte und Tanne. Mehrere Gebiete gehören zum länderübergreifenden UNESCO-Welterbe der alten Buchenwälder. Details im Ratgeber Buchenurwälder der Karpaten.
Białowieża
Der Białowieża-Wald ist der bekannteste Tiefland-Urwald Europas und Heimat frei lebender Wisente. Auf polnischer Seite schützt ihn ein Nationalpark mit einem Strengen Reservat, das nur mit zugelassenem Guide betreten werden darf. Zugang und aktuelle Einschränkungen im Grenzgebiet erklärt unser Besucherratgeber zum Białowieża-Urwald.
Der boreale Norden
In Finnland, Schweden und Norwegen gibt es noch große, naturnahe Kiefern- und Fichtenwälder, oft durchsetzt mit Mooren und Seen. Einige der ältesten Bestände liegen in Nationalparks in Lappland. Mehr unter Taiga in Skandinavien und Finnland.
Bergreste im Süden
Kleinere Urwälder halten sich auf dem Balkan, etwa in Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Albanien, in einigen Alpentälern und an steilen Hängen in Österreich. Sie sind oft klein, schwer erreichbar und kaum ausgeschildert, gerade deshalb gibt es sie noch.
Deutschland, Österreich, Schweiz
Im deutschsprachigen Raum ist echter Urwald die Ausnahme. In Österreich gilt der Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal als einer der bedeutendsten Urwaldreste der Alpen, er ist aber nur eingeschränkt im Rahmen von Führungen zugänglich. In Deutschland lohnen vor allem Nationalparks, in denen der Wald seit Jahrzehnten ohne Eingriffe wachsen darf, allen voran der Bayerische Wald. Überblick unter Wildnisgebiete in Deutschland.
Schutz heißt nicht Zugang
Laut der Studie von 2018 ist der meiste bekannte Primärwald geschützt, aber nur rund die Hälfte davon streng. Für Besucher bedeutet das:
- Strenge Reservate sind oft gesperrt oder nur mit Führung offen.
- Nationalparks haben meist eine Kernzone mit Wegegebot und Randzonen mit mehr Freiheit.
- Zelten und Feuer sind in Schutzgebieten fast immer verboten, auch in Ländern mit Jedermannsrecht.
- Regeln ändern sich kurzfristig, etwa nach Stürmen, zur Brutzeit oder in Grenznähe.
Verbindlich ist immer die Website der Schutzgebietsverwaltung.
So planen Sie den Besuch
- Einen erschlossenen Park wählen. Besucherzentren, markierte Wege und Führungen zeigen echten Altwald, ohne ihn zu zertrampeln.
- Führungen früh buchen. Wo nur geführter Zugang erlaubt ist, sind Gruppen klein und Termine im Sommer schnell weg.
- Spurenlos bleiben. Auf den Wegen bleiben, Müll mitnehmen, Totholz liegen lassen.
- Nebensaison nutzen. Mai, Juni und der Herbst bringen weniger Andrang und in Buchenwäldern das schönste Licht.
Quellen
- Sabatini et al. (2018): Where are Europe’s last primary forests? Diversity and Distributions 24(10).
- UNESCO-Welterbezentrum: Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas.
Häufige Fragen
Gibt es in Europa überhaupt noch Urwald?
Ja, aber nur noch sehr wenig. Bekannter Primärwald macht deutlich weniger als ein Prozent der europäischen Waldfläche aus. Die größten Bestände liegen in den Karpaten und im borealen Norden, dazu kommen Reste wie der Białowieża-Wald und einige Bergreservate auf dem Balkan.
Gibt es in Deutschland Urwald?
Im strengen Sinn kaum. Es gibt aber alte Buchenwälder, die zum UNESCO-Welterbe gehören, und Nationalparks wie den Bayerischen Wald, in denen sich ehemaliger Forst ohne Eingriffe zu einem „Urwald von morgen“ entwickelt.
Was ist der Unterschied zwischen Urwald und Naturwald?
Ein Urwald wurde nie gerodet oder erkennbar bewirtschaftet. Ein Naturwald war früher Wirtschaftswald und wird heute sich selbst überlassen. Mit der Zeit kann er viele Merkmale eines Urwalds entwickeln.
Darf man in Urwaldreservaten frei wandern?
Meist nur auf markierten Wegen. Strenge Reservate sind häufig gesperrt oder nur mit zertifizierter Führung zugänglich. Maßgeblich sind die Regeln der jeweiligen Schutzgebietsverwaltung.
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