Wildnisgebiete in Deutschland: wo Natur Natur sein darf
Wildnis in Deutschland: Nationalparks mit Prozessschutz, alte Buchenwälder, ehemalige Truppenübungsplätze und was Sie beim Besuch beachten sollten.
UrwälderVeröffentlicht
Wildnisgebiete in Deutschland sind vor allem die Kernzonen der Nationalparks, eine Handvoll großer ehemaliger Truppenübungsplätze und einige alte Buchenwälder, in denen kein Holz mehr geschlagen wird. Überall dort hat sich der Mensch zurückgezogen und überlässt Sturm, Borkenkäfer, Hochwasser und Zerfall die Gestaltung. Was Sie nicht finden: unberührten Urwald. Fast jeder deutsche Wald wurde irgendwann genutzt.
Was Wildnis hier bedeutet
Im deutschen Naturschutz ist Wildnis ein Fachbegriff: ein ausreichend großes Gebiet, in dem sich die Natur dauerhaft ohne Nutzung und Steuerung durch den Menschen entwickeln kann. Der Begriff schaut also nach vorn, nicht zurück. Viele dieser Wälder waren vor wenigen Jahrzehnten noch Fichtenforst oder bewirtschafteter Buchenwald, man spricht gern vom „Urwald von morgen“.
Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt von 2007 sah vor, auf 2 Prozent der Landesfläche Wildnis zuzulassen. Erreicht ist das bisher nicht. Seit 2019 fördert der Bund mit einem Wildnisfonds den Ankauf von Flächen, Informationen dazu bietet das Bundesamt für Naturschutz.
Wo es Wildnis gibt
Nationalparks mit großen Kernzonen
Nationalparks sollen auf dem größten Teil ihrer Fläche natürliche Abläufe zulassen. Besonders viel Waldwildnis bieten:
| Nationalpark | Land | Charakter |
|---|---|---|
| Bayerischer Wald | Bayern | Berg-Fichten- und Mischwald, seit Jahrzehnten ohne Eingriffe |
| Harz | Niedersachsen, Sachsen-Anhalt | Fichtenwald im Umbruch, Granit, Hochmoore |
| Kellerwald-Edersee | Hessen | alte Buchenwälder an Steilhängen, UNESCO-Welterbe |
| Hainich | Thüringen | großes Buchenwaldgebiet, UNESCO-Welterbe |
| Schwarzwald | Baden-Württemberg | Bergwald, vergleichsweise junger Park |
| Hunsrück-Hochwald | Rheinland-Pfalz, Saarland | Buche und Fichte, ruhige Mittelgebirgslage |
| Eifel | Nordrhein-Westfalen | Buchenwälder, Talsperren, ehemaliger Truppenübungsplatz |
| Müritz | Mecklenburg-Vorpommern | Seen, Kiefern, Buchenwald Serrahn |
| Sächsische Schweiz | Sachsen | Sandsteinfelsen, Schluchtwälder |
Den bekanntesten Vertreter stellt unser Ratgeber Nationalpark Bayerischer Wald ausführlich vor.
Alte Buchenwälder des Welterbes
Fünf deutsche Gebiete gehören zum UNESCO-Welterbe der alten Buchenwälder: Jasmund, Serrahn, Grumsin, Hainich und Kellerwald. Urwald sind sie nicht, aber sie zeigen, wie ein alter Buchenwald ohne Einschlag aussieht. Die großen Verwandten im Osten beschreibt Buchenurwälder der Karpaten.
Ehemalige Truppenübungsplätze
Einige der größten straßenfreien Flächen Deutschlands sind ehemalige Truppenübungsplätze, besonders in Brandenburg und Sachsen. Stiftungen und Naturschutzverbände lassen sie heute verwildern, etwa Heiden und Kiefernwälder südlich von Berlin oder die Königsbrücker Heide nördlich von Dresden. Wichtig: Hier kann noch Munition im Boden liegen. Nur markierte, freigegebene Wege nutzen.
Österreich und Schweiz
Auch die Nachbarn haben Wildnis: In Österreich gilt das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal mit dem Rothwald als besonders, der Nationalpark Kalkalpen schützt große Waldflächen. In der Schweiz lässt der Schweizerische Nationalpark im Engadin die Natur seit mehr als hundert Jahren gewähren. Die Regeln sind dort teils strenger als in Deutschland, etwa ein striktes Wegegebot.
Was Sie in der Wildnis erwartet
Wer zum ersten Mal einen Nationalpark mit Prozessschutz besucht, ist oft überrascht. Nach Sturm oder Borkenkäferbefall stehen ganze Hänge voller grauer, abgestorbener Fichten. Für viele wirkt das zunächst wie ein kranker Wald. Tatsächlich wächst darunter meist schon die nächste Waldgeneration heran, gemischter und vielfältiger als der frühere Forst. Totholz ist dabei kein Abfall, sondern Lebensraum für Pilze, Käfer, Spechte und Fledermäuse.
Typische Eindrücke:
- Totholz in allen Stadien, von frisch umgestürzten Stämmen bis zu moosbedeckten Resten, die fast schon Boden sind,
- Wurzelteller umgestürzter Bäume, die den Boden aufwerfen und kleine Tümpel bilden,
- dichter Jungwuchs in Lücken, wo Licht auf den Boden fällt,
- Stille, weil keine Forstmaschinen unterwegs sind.
Wer genauer hinsehen möchte, findet die Merkmale alter Wälder in der Checkliste Woran man einen Urwald erkennt.
Wie abgelegen ist das?
Deutschland ist dicht besiedelt, das Straßennetz eng. Selbst im Nationalpark sind Sie selten mehr als ein paar Gehstunden von der nächsten Straße entfernt. Wie selten große unzerschnittene Räume geworden sind, zeigt der Beitrag Die einsamsten Orte Deutschlands.
Der Vorteil: Fast alle Gebiete erreichen Sie mit Bahn und Bus, und manche Regionen wie Rhön und Westhavelland sind zusätzlich für dunkle Nächte bekannt, siehe Sternenparks in Europa.
Regeln für Besucher
Die Regeln unterscheiden sich je Land und Park, einiges gilt aber fast überall:
- Wegegebot in Kernzonen, oft ganzjährig, manchmal saisonal,
- kein Zelten, kein Feuer im Nationalpark,
- Hunde an die Leine,
- Totholz bleibt liegen, auch kleine Äste,
- Sperrungen nach Stürmen sind häufig, abgestorbene Bäume können ohne Vorwarnung brechen.
Für eine Nacht draußen bieten viele Regionen buchbare Trekkingplätze außerhalb der Schutzgebiete. Wie das funktioniert, steht unter Trekkingplätze in Deutschland.
Ein guter Einstieg
Wählen Sie einen Park und nehmen Sie sich zwei bis drei Tage Zeit. Beginnen Sie im Besucherzentrum, machen Sie eine Führung mit und gehen Sie dann frühmorgens einen markierten Rundweg durch die Kernzone. Der Unterschied fällt sofort auf: stehende tote Bäume, überall Jungwuchs und eine Stille, die man im Wirtschaftswald selten erlebt.
Häufige Fragen
Gibt es in Deutschland echte Wildnis?
Nicht im Sinn von nie genutztem Land. Es gibt aber Flächen, vor allem in Nationalparks und auf ehemaligen Truppenübungsplätzen, auf denen der Mensch nicht mehr eingreift und Sturm, Borkenkäfer und Zerfall den Wald wieder formen.
Welcher Nationalpark ist am wildesten?
Meist wird der Bayerische Wald zuerst genannt, weil er seit Jahrzehnten nach dem Motto „Natur Natur sein lassen“ arbeitet. Auch der Hochharz und der Kellerwald haben große Flächen ohne Eingriffe.
Darf man in Wildnisgebieten zelten?
In Nationalparks und Naturschutzgebieten nicht. Einige Bundesländer und Regionen bieten aber buchbare Trekkingplätze an, oft am Rand von Naturparks.
Was ist auf ehemaligen Truppenübungsplätzen zu beachten?
Dort kann noch Munition im Boden liegen. Betreten Sie solche Flächen nur auf freigegebenen, markierten Wegen und beachten Sie alle Schilder. Abseits der Wege besteht Lebensgefahr.
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