Warum Straßen Wälder zerschneiden und Waldverlust fördern
Wie Straßen Wälder zerschneiden und Waldverlust auslösen: Zugang für Holzeinschlag, Randeffekte, Wildunfälle, was Studien zeigen und was das in Europa heißt.
Abgelegene OrteVeröffentlicht
Straßen fördern Waldverlust vor allem, weil sie Zugang schaffen. Erreicht eine Straße einen Wald, folgen ihr Holzeinschlag, Jagd, Bergbau und Siedlung, und jede neue Nutzung verlangt nach weiteren Wegen. Gleichzeitig zerschneiden Straßen den Wald in kleinere Stücke, schaffen trockene, windige Ränder und töten Tiere, die sie überqueren wollen. Deshalb ist der Abstand eines Waldes zur nächsten Straße einer der besten Hinweise darauf, wie intakt er noch ist.
Was Studien zeigen
Mehrere große Untersuchungen haben den Zusammenhang erforscht:
| Studie | Kernaussage |
|---|---|
| Ibisch et al. (2016), Science | Rund 80 % der Landfläche der Erde sind straßenfrei, aber in etwa 600.000 Stücke zerteilt; mehr als die Hälfte ist kleiner als 1 km², nur 7 % sind größer als 100 km². |
| Weiss et al. (2018), Nature | Weltkarte der Reisezeit zur nächsten Stadt; zeigt, wie Straßennetze Erreichbarkeit bestimmen. |
| Untersuchungen aus dem brasilianischen Amazonasgebiet | Ein sehr großer Teil der Entwaldung findet in wenigen Kilometern Abstand zu Straßen statt. |
Die erste Studie entstand unter Federführung der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und hat dazu beigetragen, dass straßenfreie Gebiete heute als eigene Schutzkategorie diskutiert werden. Wie die Reisezeitkarte aufgebaut ist und was sie zeigt, steht unter Erreichbarkeitskarten erklärt.
Wie Straßen einen Wald verändern
1. Zugang
Der wichtigste Effekt ist indirekt. Eine neue Straße macht Holzernte rentabel, bringt Jäger und Siedler und senkt die Kosten jedes weiteren Eingriffs. In Tropenwäldern zweigen von einer Hauptstraße oft ungeplante Seitenwege im Fischgrätmuster ab, auf Satellitenbildern deutlich sichtbar.
2. Zerschneidung
Eine Straße teilt einen Wald in zwei Teile. Viele kleine Stücke beherbergen weniger Arten als ein großer Wald derselben Gesamtfläche, weil Arten mit großen Revieren oder Bedarf an ruhigem Waldinneren ihren Lebensraum verlieren. Manche Tiere meiden Straßen ganz, ihre Bestände werden isoliert.
3. Randeffekte
An jedem neuen Rand bekommt der Wald mehr Licht, Wind und Wärme. Randbäume fallen eher im Sturm, der Boden trocknet aus, Arten des Offenlands wandern ein. Diese Veränderungen reichen ein gutes Stück in den Bestand hinein.
4. Direkte Verluste
Tiere sterben im Verkehr. Straßen verändern den Wasserabfluss, bringen Lärm und Licht in den Wald und verschleppen Samen fremder Pflanzen mit Fahrzeugen und Schotter.
Die Lage in Europa und Deutschland
Europa hat kaum noch unberührten Wald. Es geht daher weniger um die erste Erschließung als darum, das Verbliebene zu schützen:
- Forstwege in Urwäldern. In den Karpaten und anderen Gebirgen waren neue Forstwege oft der erste Schritt zum Einschlag in Urwaldresten. Mehr unter Die letzten Urwälder Europas.
- Zerschneidung in Deutschland. Das Bundesamt für Naturschutz erfasst unzerschnittene verkehrsarme Räume ab 100 km². Solche Räume sind im dicht besiedelten Deutschland selten, besonders im Westen und Süden. Wo sie noch liegen, zeigt Die einsamsten Orte Deutschlands.
- Grünbrücken. Querungshilfen über Autobahnen und Bundesstraßen helfen Wildkatze, Luchs, Rothirsch und anderen Arten, zerschnittene Lebensräume wieder zu verbinden.
- Białowieża. Der Streit um verstärkten Holzeinschlag im Białowieża-Wald 2016 bis 2018 zeigte, wie verletzlich selbst ein berühmter Wald ist. Hintergrund im Besucherratgeber Białowieża.
- Politik. Die EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 sieht vor, verbliebene Primär- und Altwälder in der EU streng zu schützen. Wie das umgesetzt wird, ist von Land zu Land verschieden.
Forstwege im deutschen Wald
Auch hierzulande ist der Wald von einem dichten Netz aus Forstwegen und Rückegassen durchzogen, das für die Holzernte angelegt wurde. Für Wanderer sind diese Wege bequem, für den Wald bedeuten sie Verdichtung, veränderte Entwässerung und mehr Störung. In Nationalparks werden deshalb manche Wege zurückgebaut oder nicht mehr unterhalten, damit wieder größere ruhige Flächen entstehen. Wenn Sie im Nationalpark also auf einen zuwachsenden, gesperrten Weg stoßen, ist das oft Absicht und kein Versäumnis. Die Spuren solcher Wege bleiben übrigens lange sichtbar, wie die Checkliste Woran man einen Urwald erkennt zeigt.
Straßenfreie Gebiete anderswo
Die Idee ist nicht neu. In den USA begrenzte eine landesweite Regel von 2001 den Straßenbau in großen Teilen der Nationalforste, ihre Zukunft ist politisch umstritten. Mehrere Länder und Naturschutzorganisationen kartieren heute „intakte Waldlandschaften“ und straßenfreie Gebiete, um Prioritäten zu setzen.
Was das für Besucher heißt
Auch Reisende sind Teil der Rechnung. Jedes beliebte Ziel erzeugt Druck auf Parkplätze, breitere Straßen und mehr Infrastruktur. Daraus folgt:
- Vorhandene Wege nutzen. Wo möglich mit Bus und Bahn anreisen und das letzte Stück laufen.
- Entfernung akzeptieren. Abgeschiedenheit gehört zum Wert eines Ortes, nicht jeder Aussichtspunkt braucht eine Zufahrt.
- Auf den Wegen bleiben. Auch Trampelpfade zerschneiden Lebensräume und lassen Böden erodieren.
- Spurenlos bleiben. Grundlagen unter Spurenlos im Wald unterwegs.
Quellen
- Ibisch et al. (2016): A global map of roadless areas and their conservation status. Science 354, 1423–1427.
- Weiss et al. (2018): A global map of travel time to cities to assess inequalities in accessibility in 2015. Nature 553, 333–336. doi:10.1038/nature25181
- Bundesamt für Naturschutz: unzerschnittene verkehrsarme Räume.
Häufige Fragen
Sind Forstwege so schädlich wie Straßen?
Durch Verkehr meist weniger, aber sie erschließen den Wald für Holzernte, verändern den Wasserhaushalt und zerschneiden Lebensräume. In Urwäldern ist ein neuer Forstweg oft der erste Schritt zum Einschlag.
Was ist ein Randeffekt?
Wo eine Straße oder Schneise in den Wald schneidet, bekommt der Waldrand mehr Licht, Wind und Wärme. Die Bedingungen ändern sich bis weit in den Bestand hinein, was Arten trifft, die ein stabiles Waldinneres brauchen.
Was sind unzerschnittene verkehrsarme Räume?
Ein Indikator des Bundesamts für Naturschutz: zusammenhängende Flächen von mindestens 100 km², die nicht von stark befahrenen Straßen, Bahnlinien oder Siedlungen zerschnitten werden. Sie sind in Deutschland selten geworden.
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